everything is better than doomscrolling

Manchmal, da läuft es mit den Zines und dem kreativen Output wie von allein. Und manchmal, da hakt was. Das ist dieses Gefühl von „Ich habe das Bedürfnis, etwas kreatives zu tun“, aber die Idee fehlt, oder die Motivation, oder Energie, oder es fühlt sich einfach nichts richtig an. Das ist ziemlich unbefriedigend, aber ich vermute, dass das jeder Mensch kennt, der Kreativität als Ausgleich nutzt. Darüber habe ich mich neulich gerade bei meinem Freund beschwert, denn ich hatte schon seit ein paar Wochen keine Idee für ein Zine, die mich so richtig überzeugt und in den Fokus gebracht hat. Und noch während ich mich beschwerte, leuchteten hier und da ein paar Lampen auf, weil mich ein Thema gerade an diesem Tag ziemlich beschäftigt hat: die ganz normale Überforderung.

Zine-Cover „System Error“. Das Design erinnert an alte Computer-Betriebssysteme. Eine getigerte Katze schaut verzweifelt nach oben zu drei brennenden Ordner-Symbolen. Unten rechts steht klein „Mini Zine 21“.

Das autistische Gehirn funktioniert anders. Reize kommen ungefilterter an. Vorhersehbarkeit ist essenziell. Offene Aufgaben und bevorstehende Termine sind schwer auszuhalten. Solange Dinge nicht erledigt sind, machen sie vor allem eins: sie existieren. Ungefiltert und alle auf einmal, gleichzeitig. Es ist schwer, etwas davon auszublenden. Offene Aufgaben sind energieraubend.

Wäsche waschen, staubsaugen, Körperpflege, irgendwem zurückschreiben, einkaufen, Müll wegbringen, Fliegengitter anbringen, Blumen gießen, Termine, arbeiten und so weiter. Das Gehirn kann erst abschließen, wenn die Aufgaben erledigt sind. Aber das wird niemals passieren, denn es wird immer offene Aufgaben geben und sobald eine erledigt ist, kommt eine neue dazu (oder zwei). Allein das zu wissen, macht mich müde. Alles rotiert also unaufhörsam im Arbeitsspeicher umher.

Doppelseite vergleicht „Das typische Gehirn“ (20 offene Tabs) mit „mein Gehirn“: ein Chaos aus übereinandergestapelten Windows-Fenstern, auf denen eine Katze thront. Der Text beschreibt das eigene Gehirn als unsortiert, laut, und mit einer Katze.
Doppelseite: Links sind Grafiken von Sanduhren auf Ordnern und Browserfenstern zu sehen. Rechts steht Text über das Sortieren von Chaos und dass offene Aufgaben dauerhaft Arbeitsspeicher verbrauchen. Eine große Sanduhr illustriert die ständige Gehirnleistung.

Um das ganze zu beruhigen, sortiere ich. Alle Aufgaben müssen sichtbar sein. Vorhersehbar. Mein Leben wird oft zusammengehalten von Notizzetteln, Listen und Kalendern. Beruflich bin ich perfekt organisiert, alles hat ein festes Timing, jede Aufgabe blockt Zeit im Kalender und nichts wird vergessen. Projektmanager lieben das.

Überweisung zum Facharzt, spontane Anfrage, kaputte Dichtung, kleine Bitte? Neue Aufgaben warten nicht einfach ruhig im Hintergrund. Sie drängen sich erstmal mit einem riesen Drama in den Fokus und bringen alles durcheinander, bis sie ins System einsortiert werden.

Das Zine beschreibt in einem PC-Notiz-Fenster, wie neue To-Dos den Fokus unterbrechen, während im Hintergrund „mittelalterliche Musik spielt“ und eine „Katze miaut“. Die Illustration zeigt verschachtelte Fenster und eine Katze, die am rechten Rand hervorlugt. "Ich mache einfach etwas völlig anderes. REGULIERUNG"
Rückseite: fauchende Katze vor einer Fehlermeldung mit dem Titel „SYSTEM ERROR“ und der Nachricht „ERROR_NOT_ENOUGH_MEMORY“. Darüber steht der Text: „Hier kommt eine spontane Planänderung“, ergänzt durch ein Totenkopf-Emoji.

Der Endgegner: die spontane Planänderung. Eine Änderung ist in vielen Fällen keine kleine Anpassung im Tagesplan. Sie bedeutet, dass der gesamte Plan nicht mehr existiert und neu zusammengefügt werden muss. Nicht im Kalender, sondern vorallem erstmal im Gehirn.

Vorhersehbarkeit ist essenziell, um zur Ruhe zu kommen. Wenn etwas nicht vorhersehbar ist, macht das autistische Gehirn es vorhersehbar – in dem es alle Möglichkeiten durchspielt, bis es völlig mürbe ist.

Der System Crash ist nicht zu verhindern.

Meine Reizverarbeitung und kognitiven Fähigkeiten kann ich nicht ändern. Das ist biologisch. Aber ich arbeite immer wieder daran, bessere Wege zu finden, damit umzugehen. Die Häufigkeit und Stärke von Überforderung, Reizüberflutung und Energielosigkeit lassen sich damit zumindest etwas beeinflussen. Zum Beispiel:

  • Auch mal Nein sagen, wenn etwas zu viel durcheinander bringt.
  • Beruflich darum bitten, Aufgaben zu priorisieren.
  • Nach mehr Infos und Details fragen. (Was gibt es zum Mittagessen, wer wird dabei sein, wie ist der Ablaufplan?)
  • Die Konsequenzen abwägen, wenn ich etwas einfach gar nicht mache. (Wäsche waschen? Unwichtig, solange noch was im Schrank ist. Staubsaugen? Wichtig, denn ich habe eine Allergie.)
  • Alternativen oder Anpassungen vorschlagen, die für mich besser funktionieren.

Am wichtigsten ist es wohl zu akzeptieren, dass es anstrengend ist, immer anstrengend war und auch anstrengend bleiben wird. Erholungszeit ist wichtig. Manchmal muss man auch einfach den Stecker ziehen.


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