everything is better than doomscrolling

Am Wochenende war es heiß. Die Maximaltemperatur lag bei 37 Grad. Ich war das Wochenende allein und habe mich gefragt, was ich bloß die ganze Zeit machen soll. Bei der Hitze ist man ja froh, wenn man sich keinen Millimeter zu viel bewegen muss. Andererseits: FOMO. Also habe ich versucht, das beste draus zu machen: ein Sommertagebuch-Zine.

Zine-Cover „Ich war im Unterhemd bei Penny“ mit einer nackten Barbie-Puppe mit verfilzten Haaren, platziert auf gelb kariertem Muster.

Ein Zine über heiße Sommertage.

Samstag

7:00 Nach 9-einhalb Stunden Schlaf starte ich den Tag um 7 Uhr. Leider sind draußen schon 25 Grad. Wenigstens die Migräne von gestern ist weg.

8:00 Ich verabschiede mich von meinem Freund, wir werfen uns tausend Küsse zu und ich mache mich auf den Weg.

8:30 Der Lidl ist noch leer und außerdem eiskalt. Die Klima läuft auf Hochtouren. Ich freue mich über den kalten Schauer, der über meinen halbnackten Körper zieht.

Mein Einkaufswagen hat ein klemmendes Vorderrad. Ich habe ihn deswegen fast in das Eier-Regal gefahren, weil er sich plötzlich nicht mehr lenken ließ. Ein bisschen Gewalt konnte das Problem vorerst lösen.

8:50 In meiner Wohnung sind bereits 30°C. Hurra. Ich öffne ein paar Fenster und frage mich, wie ich den Tag überstehen soll.

9:15 Für die Vögel, Bienen und Insekten stelle ich zwei Schalen mit Wasser auf den Innenhof.

Die Nachbarn sind auch schon draußen und lüften ihr Meerschweinchen auf der Wiese. Das Top-Gesprächsthema ist der Kirschbaum. Über Nacht ist ein großer Teil des riesigen Baums abgebrochen. Der Ast liegt nun samt all seinen Kirschen auf der Wiese. Ich sage “Gibt wohl Kirschkuchen, ne”.

9:25 Ich mache mich auf den Weg zum See.

„Stört es Sie, wenn wir den Hund kurz abkühlen“? fragt ein älteres Paar an der Badestelle, als ginge es um eine Bratwurst. Lustigerweise sieht der braune Dackel tatsächlich ein bisschen aus wie eine Bratwurst. Er wird nun im Wasser abgekühlt, aber es gefällt ihm nicht.

Der See ist heute ganz still und klar. Es ist ein großer See, der von Wald und roten Bootshäusern aus Holz umgeben ist. Ich fühle mich wie an einem einsamen Natursee in Schweden. Es wäre sehr idyllisch, würde nicht gerade jemand mit dem Rasentrimmer die Sommerwiese kürzen. Aber wir sind in Deutschland und es gibt Regeln, also muss diese Arbeit auch am Samstagvormittag bei 28° und brennender Sonne erledigt werden.

Ich liege so lange im Wasser und lasse mich mit meiner grünen Schwimmnudel herumtreiben, wie es mein Tampon erlaubt. Nach einer halben Stunde und mit leicht schrumpeligen Fingern steige ich aus dem See und fahre zurück nach Hause.

10:30 Im Getränkehalter am Fahrrad der Nachbarn steckt eine leere Dose Lübzer Pils.

Die Küche hat inzwischen 30,6° erreicht. Den Tomatenpflanzen auf dem Fensterbrett scheint es nicht zu schaden. Sie haben über 100 grüne Tomaten an den Ästen. Aber sie brauchen ständig Wasser. Ob es eine Möglichkeit gibt, einfach einen Schlauch direkt vom Wasserhahn zu verlegen?

Collage: Offenes Zine mit Tagebuch-Text zu „Samstag“ und zwei Fotos von einer Bierdose am Fahrrad und schlaffem verwelktem Salat, auf dessen Verpackung "crisp & alive" steht.

11:15 Das Hauptkriterium beim Mittag ist es, keine weitere Wärme zu verursachen.
Ich mache einen Salat mit Eisbergsalat, Gurke, eigenen Tomaten und einer Nektarine. Die Gurke schneide ich in Scheiben, als wäre es ein Vorspeisensalat bei Blockhouse. Ein bisschen Luxus muss sein. Obendrauf kommen ein paar Käse-Tortelloni. Die muss man nur mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher übergießen.

Zur Abkühlung esse ich noch laktosefreien Quark und gekühltes Apfelmus mit Zimt, bevor ich mir einen schönen heißen Kaffee mache.

15:00 Die Vögel haben mittlerweile die Wasserschalen entdeckt und kommen zum Trinken und Baden vorbei.

16:00 Draußen hat es mit 37° die Höchsttemperatur für heute erreicht. Ich sitze in der verdunkelten Wohnung und schwitze. Alles ist anstrengend. “Ich war im Unterhemd bei Penny”, schreibt mir mein Freund.

Sonntag

9:30 In der Wasserschale auf dem Hof sitzt eine Kellerassel in einem löchrigen Stein.

9:45 Ich treibe eine Morgenrunde mit der Schwimmnudel durch den See. Heute ist Welle. Fühlt sich an wie surfen.

11:30 Jeder Zentimeter meines Körpers klebt. Ich habe erfolglos versucht, einen Ventilator zu bestellen. Jedes Mal, wenn ich einen in den Warenkorb lege, ist er nicht mehr auf Lager. Ich gebe auf.

15:30 Ich schleppe mich zum Supermarkt, um die Zutaten für einen Couscous Salat zu kaufen. Hier sind mindestens 10° weniger als draußen. Es gibt keinen Couscous. Gurken und Feta sind ausverkauft.

Jemand quält sich mit dem klemmenden Einkaufswagen durch den Markt.

Vogeltränken im Gras: Zwei Schalen mit Wasser und Steinen darin, aus der Vogelperspektive fotografiert.